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  • realfiktion
  • 29. Nov. 2024
  • 1 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. Jan. 2025

02.09.2018

Fünfundsiebzig verweht. Die Gestalt vor dem Haus, fünfzig Meter entfernt, die ein paar schleppende Schritte entgegenkommt: Nie hat irgendjemand jemals so alt ausgesehen. Bei den letzten Besuchen nie aufgefallen, wie langsam er sich setzt, die umständliche Art, den Kopf zu drehen, der müde Gang. Immer wieder Sätze wie „Das wird unser letztes Auto“, „das wird mein letztes wissenschaftliches Werk“, „das wird unsere Stelle im Friedwald“, aber: sichtliche Freude beim Wiedersehen. Überhaupt: jetzt, auf der Zielgeraden, erstmals sowas wie öffentlicher Gebrauch von Gefühl, sogar vor den eigenen Söhnen. Wie sehr seine Frau geweint hat nach ihrer erfolglosen Operation. Wie stark es ihn wundert, dass er sich jetzt schon den Achtzig nähert. Wie stolz er auf die riesige Ingwerpflanze im Garten zeigt, aufgezogen aus einem Sämling. Schwer zu bestäuben allerdings, wahrscheinlich bräuchte man Kolibris. Am Ende Schulterzucken: „Wir leben halt nunmal in dieser Kulturwüste Rheinland, seit vierzig Jahren. Hier sind sie taub für Ironie, versalzen ihre Wurstwaren und haben nicht mal Kolibris. Aber zum Glück ist irgendwann alles nicht mehr so wichtig.“


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