- realfiktion
- 16. Nov. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Feb. 2025
10.03.2018
Happy Birthday.
(1) Wie in Trance wiegt sich die Geburtstagsgesellschaft anderthalb Stunden unter dem beständigen Schaukeln des Planwagens, dem eintönigen Hufklappern, dem endlosen Nieselregen und der langgezogenen Schmäh- und Jammerrede des Kutschers.
(2) Anfangs bemüht er sich noch, jede Verdammung mit einem freundlichen, anerkennenden Wort auszugleichen, weist da und dort auf vereinzelte Schönheit hin, ein sinnvoll gefügtes Ereignis, Möglichkeiten der Freude. Immer öfter schleicht sich dann ein scharfes „aber“ in seine Sätze ein.
(3) Beteuerungen zur Verkehrssicherheit seiner Kutsche münden in Beschimpfungen der unfallträchtigen Konkurrenz, Gedanken an die Konkurrenz lösen sich auf in Phantasien über die Entlassung der eigenen Mitarbeiter. Die Erläuterungen des on-Board-Serviceangebots für die Gäste (Schnaps- und Wurstvariationen) verwandeln sich in einen Frontalangriff auf die launische, geizige, maßlose Kundschaft. Noch das unschuldigste Thema (Neubaugebiete, Schweinepreise, Badestellen, Kommunalverwaltung, Snackangebote im Hermann-Löns-Kiosk) wird mit einem „Leider“ eröffnet, und was eben noch als halbwegs bunter Vortrag über die Sehenswürdigkeiten von Müden an der Örtze begonnen hat, schwillt an zu einem Klagelied von negativer Urgewalt, das alles zwischen Himmel und Erde erfasst.
(4) Leiden an den Torten im Dorfcafé. Leiden daran, wie man mit Pferden umgeht. Leiden an Landwirtschaft und Wetter, Leiden an Natur und Unterhaltung, an Kunst und Gesetzen, Gesundheit und Gesellschaft, Sein und Zeit. Leiden daran, dass eben alles schwierig ist. Leiden daran, das alles nicht mehr lohnt. Und was das alles kostet! Leiden an den Menschen: Der Grieche. Der Amerikaner. Der Pole. Man kennt sie ja. Leiden daran, dass im Grunde jeder überall fehl am Platz ist, und alle machen alles falsch. Dann noch die Arbeit, die Heidschnucken, die eigene (nur sehr vage angedeutete) Vergangenheit bei der Militärpolizei, der raffgierige Bauer Thewes, der Verkehr, die Frau, Geld, Geld! – und hinten auf dem Friedhof liegen die Kinder der Leute. Wunschloses Unglück, verfehltes Leben; Existenz als Irrtum.
(5) Ja, leider sehen Sie hier noch unsere Holzverladestelle, auch kaum noch in Betrieb. Ich weiß ja nicht. Leider schwierig, sehr schwierig. Alles sehr schwierig.
(6) Nur das Panzermuseum in Munster, also das ist wirklich zu empfehlen. Tippi-toppi, erste Klasse, super, und richtig schön gemacht, kann ich Ihnen sagen. Aber leider auch wieder längst nicht so gut, wie man es sich es eigentlich vorstellt, in seinen Träumen.


Kommentare