- realfiktion
- 25. Sept. 2024
- 1 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Feb. 2025
16.08.2017
Chur.
(1) Besucher*innen werden nicht durch Pracht oder Anmut überfordert. In wohlwollenden Reiseführern Worte wie „spröde“, „herb“ und „ehrlich“. Vor der Verwaltung der Rhätischen Bahn eine kleine, fast beunruhigende Grünanlage mit Blumen, durch die aber keine Wege führen; Farben sieht man nur aus sicherer Entfernung. Die zweite Grünanlage („Quaderwiese“) entpuppt sich als Sportplatz des Kantonalgymnasiums. Okay.
(2) Selbstbewusste Schweiz: Man braucht keine Weltkriege und keine Bombardierungen für Trostlosigkeit. Beim Anblick des Stadtbilds von Chur glaubt man kaum, dass hier seit 400 Jahren Frieden herrscht. Chur will keinen Trost, es will nur Ruhe.
(3) Chur sagt auch: Weniger ist mehr. Lokale und Jahrmärkte schließen gegen 17:30 Uhr; Hauptattraktion des Gesellschaftsjahres ist eine große musikalische Tombola ohne Gewinne, ohne Musik, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die queere Szene trifft sich in einem Getränkemarkt und an einer Autobahnraststätte Richtung Landquart (sagt das Internet), und in einer Klappe an der Quaderwiese (selbst entdeckt). Die immerhin wird mit schweizerischer Präzision von einem resident rent boy betreut. Skatertyp, sehr verschreckt.
(3) Wohlwollende Reiseführer sagen „Bahnknoten“ und „Bischofssitz“ und lügen nicht. Geheimer Gastro-Tipp für Kenner der regionalen Küche: Gerstensuppe, saure Leber und Knochenwurst.
(4) Und Chur ist vielleicht der einzige Ort auf der Welt, von dem aus Genf wie Rio de Janeiro wirkt.


Kommentare