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  • realfiktion
  • 30. Nov. 2024
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Feb. 2025

16.11.2018

Glück / Glas.

(1) Runde um den Block: Post, Apotheke, Zeitung, Bäckerei. Man muss Kuchen essen, in diesen Tagen.

(2) Der junge Mann am Eingang, Verkäufer von nebenan, sieht mich zurückkommen, zeigt besorgt auf die Frau in unserem Treppenhaus: liegt zusammengesackt unter den Briefkästen, weint, zittert, umklammert ihr Telefon. Ich setze mich zu ihr, sage meinen Namen, stelle Fragen, bekomme kaum Antwort. Natürlich will sie keine Hilfe, natürlich braucht sie welche. Nach und nach kommt heraus, dass sie gerade von ihrem Freund verlassen und aus der Wohnung geworfen wurde. Schuhe, Leggings, bauchfreies Top und ein kleiner Spielzeugkoffer, nichts sonst. Kopf gegen die Wand, Tritte gegen die Haustür, das Glas zersplittert: F43.0, klassischer Nervenzusammenbruch mit alles und scharf.

(3) Weinend wählt sie irgendwelche Nummern, erreicht schließlich jemanden, Gesprächsfetzen, am anderen Ende offenbar eine Person, der sie vertraut. Ich warte ab, unsicher, aber ihr Telefonat führt nicht weiter. „Kann ich bitte mal?“ – zögernd reicht sie das Handy an. Schilderung der Lage, alles scheint kompliziert; am Ende wissen wir wenigstens den Namen einer Beratungseinrichtung, die die Frau kennt, und bieten an, sie dahin zu begleiten, jetzt sofort. Sie weigert sich. Der junge Mann am Eingang die ganze Zeit an meiner Seite und verspricht, sie mit dem Auto hinzufahren. Nein. Sie will auch nicht zum Aufwärmen in meine Wohnung, „mir fehlt nichts“, sagt sie, und zittert so, dass ihr das Telefon aus der Hand fällt. Auf Fragen und Vorschläge lange Pausen ohne Reaktion. „Dann muss ich einen Rettungswagen rufen. Wir können dich hier nicht liegen lassen. Kurze Bedenkzeit.“

(4) Während ich oben eine Decke holen gehe, springt sie auf und rennt auf die Straße, der junge Mann setzt ihr hinterher. Als sie schon fast an der U-Bahn-Station sind, gelingt es ihm, ein Gespräch anzuknüpfen, ihr Vertrauen zu gewinnen, und sie nach einer Viertelstunde wieder zum Umkehren zu bewegen. Später kommt heraus, dass er, um ihr helfen zu können, einen wichtigen Kundentermin abgesagt hat.

(5) Parallel mehrere Telefonate mit der Beratungseinrichtung, ungewollte Einblicke in die Lebensgeschichte einer unbekannten Person. Alles skizzenhaft, eindrücklich: „Dieser grenzenlose Einfallsreichtum zum Erzeugen und Aushalten von Unglück.“ Man wird sie auffangen, das Auto steht bereit, eine weitere halbe Stunde geduldiges Reden und Werben und Bitten, bis sie einsteigt. Gleich nach Ankunft bricht sie in den Armen der Psychologin wieder zusammen.

(6) Junger Mann am Eingang, du warst klasse – wie wäre das ausgegangen ohne dich? Aus Dankbarkeit sollte ich, statt in der Bäckerei, häufiger nebenan in deinem Geschäft einkaufen. Aber leider ist das ein hanseatischer Traditions-Herrenausstatter. Und ich hab ja schon einen Anzug.

(7) Der glückliche Hund ahnt währenddessen von alledem: nichts!


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