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  • realfiktion
  • 2. Dez. 2024
  • 1 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Feb. 2025

17.02.2019

Letzte Instanz. Ankunft dreiviertel eins, Begrüßung: „Tja, wir sind jetzt endgültig Waisenkinder – unsere Doktormutter ist gestorben. Mit nichtmal 92.“ Zunächst unklar, ob ihn das verstört, zumal es womöglich Wichtigeres gibt. Erst vorgestern ist seine Frau wieder nach Hause entlassen worden, Befund der Klinik steht aus. Danach übliches Willkommen: „Oh, wir haben vorhin schon ein Fläschchen Portwein geleert, hier, trink den Rest. Cracker?“ Jeden Sonntagmorgen bei Portwein oder Cynar ihr Zweierkolloquium zur laufenden provinzialrömischen Forschung, soweit alles wie immer – er aber verstört, wie letztes Jahr erst vom Tod des Bruders. „Beim Kochen eben hat er die Brokkoli beschimpft, weil sie weich geworden sind“, flüstert seine Frau im Vorbeigehen: „Freundlich sein. Viel loben!“ Für beide nachgerechnet: längerer gemeinsamer Lebensweg mit Doktormutter als mit leiblichen Eltern (oder Kindern). Tochter eines Gärtners, 1964 erste Professorin für Klassische Archäologie in Deutschland, eine der ersten Professorinnen überhaupt, und fast der einzige Mensch, den beide beim Vornamen nennen. Mehr noch: vielleicht der einzige Mensch, den er ab und an um Rat gefragt hat. „Wenn sie die Antwort nicht wusste, dann wusste sie niemand. Und jetzt? Jetzt sind wir wirklich, wirklich verwaist. Aber gut. Nichts zu machen. Wie findest du diese Brokkoli?“


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