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  • realfiktion
  • 22. Nov. 2024
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Feb. 2025

22.04.2018

Wenn es nicht mehr wichtig ist.

(1) Dürrster und glattester Mann im Tr3s, netteste Bären-Bar der Stadt. Wie immer freundliche Aufnahme; dass ich anders bin: egal. Wer ansonsten in Portugal schwul ist, ist ein Bär, so will es das Gesetz. Es gibt neuerdings sogar eine beliebte Web-Serie über den Alltag dreier unzertrennlicher Jungbären in Lissabon: wie sie leben, arbeiten, feiern, romantische Abenteuer erleben und allesamt ein Herz aus Gold haben.

(2) Rauchen vor der Tür; umgeben von Männern wie Samson aus der Sesamstrasse, inklusive Latzhose mit nichts darunter. Manche haben die Größe eines stattlichen Einfamilienhauses – man könnte in diesen Menschen wohnen. Um Anerkennung zu ernten, bemühe ich mich ab und zu mein kleines Bäuchlein auszustrecken, trage sogar signalrote Hosenträger, damit es leichter zu finden ist. Man quittiert diesen Ansatz mit mitleidigem Tätscheln.

(3) Fundsache im Portemonnaie: der verloren geglaubte Stimmzettel für die Best DJ Competition im Club zwei Nächte zuvor. Jetzt ist es zu spät, aber was macht es schon. Ich unterstütze linientreu die Sieger*innen. DJ Scuba, DJ Ricky Hard, DJ Stefannie Dunnet, I offer you my loyalty!

(4) “I offer you the loyalty of a man who has never been loyal. I offer you that kernel of myself that I have saved, somehow – the central heart that deals not in words, traffics not in dreams, and is untouched by time, by joy, by adversities. I offer you the memory of a yellow rose seen at sunset, years before you were born. I offer you explanations of yourself, theories abot yourself, authentic and surprising news of yourself. I can give you my loneliness, my darkness, the hunger of my heart” –

(5) Früher Morgen. Ein großer Schwede zieht alle paar Minuten genussvoll an meiner Zigarette, steckt sich selbst aber keine an. Gespräch über das lange Sterben von DJ Avicii, dessen Mutter er gut kennt, über Nutzen und Grenzen des Älterwerdens, Reisen, Herkunft. Über sein Leben in Lissabon und was man aus seinem verfügbaren Leben eigentlich insgesamt machen soll. Kurz bevor die Bar schließt und ich nach Hause wackele, fragt er nach meinem Namen und einem Kuss.

(6) Im Gehen verabschiedet sich auch der Barbesitzer von ihm „bis nächste Woche“. Nein, sagt er ruhig, nächste Woche nicht mehr, er sei dann im Krankenhaus. Lungentumor, unklare Prognose. Alle meine stotternden Fragen wehrt er lächelnd ab. “Not important. Unlikely I’ll ever see you again. Only this: given that you’re from the North, you‘re a surprisingly good kisser.”


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