- realfiktion
- 8. Dez. 2024
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Aktualisiert: 20. Feb. 2025
25.04.2020
Unsere kleine Frontstadt.
(1) Eingeschlossen auf 755 Quadratkilometern, Flucht ins Ausland unmöglich, Bahnverkehr ausgedünnt, Flugverkehr eingestellt, Einreisekontrollen an der holsteinischen und niedersächsischen Grenze: Hamburg ganz aufs Eigene zurückgeworfen und damit zu noch schlimmerer Nabelschau verurteilt als sonst.
(2) Alles, wofür diese ausgehungerte Stadt überhaupt noch am Leben erhalten wurde (Musical-Tourismus, Kreuzfahrtindustrie, Immobilienanlage, Folklore-Fußball), existiert nicht mehr. Unsere autogerechten Straßen: leer. Letzte vitale Hoffnung, zurück zu sich selbst zu kommen, liegt darin, dass wieder irgendeine Lokalgröße stirbt, wie neulich der Darsteller einer menschelnden Polizeiserie. Von solchen Leichen zehrt man hier über Monate.
(3) Auch die arbeitsteilige Gesellschaft, Krone der Zivilisation: Dahin, ersetzt durch autarke Häuslichkeit, in der man alles selber machen soll (Essen!) und die Füße stillhält. Alles handgekocht, handgenäht, handgeschnitzt. Wozu aber eine Stadt, in der man nicht ausgeht und abgibt und die vielen machen lässt, die es besser können?
(4) Verwahrlosung in Stufen. Menschen verschmelzen mit ihrem Bett, lassen charakterlich nach, hören irgendwann auf sich zu rasieren. Jeder Bart immer ein Hilfeschrei, Signal der Selbstschädigung und Aufmerksamkeitssucht, eine kleine Tragödie inmitten dieser großen. Außerdem jetzt gefühlt 1,8 Millionen Hamburger*innen, die joggen; seit jeher erschütterndste Form der Dekompensation.
(5) So ist es halt. Noch gibt es genug Trost in der Gegenwart. Und die Zukunft kann sich noch keiner vorstellen. (Aber mit Glück wird endlich alles wieder so, wie es nie war.)


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