- realfiktion
- 29. Nov. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Jan. 2025
25.09.2018
Mit Kindern reisen.
(1) Erster Tag – Sie kommen zum Bahnhof mit Koffern, die mehr wiegen als ich. Gegendertes Abschiednehmen von den Eltern: Alle Mädchen, auf sich allein gestellt, beginnen zu schluchzen, alle Jungs, sobald unbeaufsichtigt, fangen an zu pupsen. Das Gepäck meterhoch gestapelt, alle Durchgänge blockiert. Der österreicherische Mathematiker sitzt, vom bloßen Eintreffen erschöpft, in einem separaten Waggon weit ab von den tobenden, stinkenden Kleinen und verlangt Valium: „Dös is mir jetz schon alles zviel.“
(2) Fünf Stunden später Ankunft in den Baracken des „Jugenderholungsheims“ bei strömendem Regen und heftigem Westwind. Die ersten frierenden Kinder fallen um während dem langen, langen Willkommensgruß auf dem Appellplatz: Leder, Kruppstahl, Windhunde; Spielplatz verboten; viel Spaß!
(3) Anlage des Gebäudes als Panakustikum, in jedem Winkel sind sämtliche Geräusche aus sämtlichen anderen Winkeln bestens zu hören. Dazu schallverstärkende Böden, Türen und Fenster – Architektonisches Wunder; zum Ausgleich wurde an allem anderen gespart.
(4) Kinder weitgehend hilflos: eines bezieht verwirrt einen Schlafplatz im Schrank, ein anderes verliert innerhalb einer Viertelstunde vom Körper weg ein T-Shirt, einen Schuh und seine Brille. Der Junge, der nie etwas sagt, starrt reglos ins Leere.
(5) Spieleabend ohne Blutvergießen, aber nachts vibriert das Gebäude unter nicht endendem Trampeln und Türenschlagen. Westwind pfeift durch die Ritzen; leicht fiebriger Schlaf, zusammengekrümmt im winzigen Bett.
(6) Zweiter Tag – Gegen alle Hoffnung wieder aufgewacht. Auf dem Flur bereits 800 Dezibel, alle paar Minuten klopft ein anderes Kind an meine Tür: „Mir wurde das Portemonnaie geklaut!“ „Meine Füße sind kalt!“ „Wann ist Frühstück?“ „Ich ziehe jetzt diese Hose an.“ „In unserem Zimmer spukt es!“ „Wo ist überhaupt das Klo?“ „Meine Taschenlampe ist unter den Schrank gerollt!“ „Wer ist Ihr Lieblings-Fußballer?“ „Ich ziehe jetzt doch eine andere Hose an!“ „Ich habe ein Mädchen auf dem Flur gesehen!“
(7) Unklar, was die Eltern eigentlich zehn Jahre lang mit diesen Kindern gemacht haben, die weder Kissen beziehen noch Brötchen schneiden, Tassen zum Mund führen und Schuhe binden können, von grober Orientierung in Raum und Zeit ganz zu schweigen. Am Strand dauert es keine fünf Minuten, bis sie nass sind bis zu den Knien, weil niemand glauben will, dass Wellen irgendwann auch am Ufer ankommen. Ihre stolz präsentierten Sandburgen sehen aus wie widernatürliche Haufen aus Ektoplasma.
(8) Schrille Piepsstimmen diskutieren auf dem Rückweg, wer von ihnen die meiste Lebenserfahrung hat (Geopolitik, Fußballwissen, Frauen). Irgendwann wird der österreichische Mathematiker vermisst – morgens stand er noch aufrecht im Frühstücksraum, umbrandet von Kindern.
(9) In deren Zimmern derweil mehr Konfliktherde als im Kaukasus: Territorialkampf (wer schläft am Fenster), Streit um knappe Ressourcen (Schränke), Zusammenprall der Ideologien (fünf Tage wach bleiben: Ja oder nein). Ein schwer erklärbares Kind verliert den letzten Schuh, ein anderes wirft die Süßigkeiten (5 kg) eines dritten massiv zuckersüchtigen Jungen aufs Dach. Dafür entleert dieser, blind vor Rache, den Abfalleimer mit flüssigem Bodensatz auf dem Bett des ersten. Schlägerei, Tränen, und alles stinkt nach Müllhalde.
(10) Alle gestört (auf einer verschwommenen Skala von niedlich bis Psychiatrie), ich selbst fast komplett ertaubt, Stimmbänder zerborsten. Der österreiche Mathematiker bleibt unauffindbar.


Kommentare