- realfiktion
- 29. Nov. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Feb. 2025
26.09.2018
Mit Kindern reisen.
(1) Dritter Tag – Noch in der Nacht wird ein Kind mit Blinddarmsymptomen per Taxi in die nächste Klinik gefahren. Man wird es nicht wieder sehen. Es gilt später aber als Glückspilz, denn für die andern beginnt um 7 Uhr 30 eine Wattwanderung bei Böen von 80km/h. Manche erscheinen dazu in Strumpfhosen und Ballerinas; der Junge, der nie etwas sagt, sogar mit einem großen Schirm. Man wird ihn nicht wiedersehen.
(2) In schneidender Kälte hält der Wattführer unhörbar murmelnd einen wissenschaftlichen Vortrag und reicht Würmer, Krabben und grünen Schleim herum. Klagen der Kinder, dass sie ihre Beine nicht mehr spüren, werden vom Sturm verschluckt.
(3) Später klopft eine achtköpfige Delegation an. Zwei Minuten lang winden sie sich in Agonie, setzen immer wieder an, bringen kein klares Wort heraus. In ihren Augen Fassungslosigkeit – schließlich präsentieren sie stumm ein Scrabble-Spiel: Kjell hat gegen alle verzweifelten Proteste die Wörter „HODEN“ und „ENIS“ gelegt. Die Gesichter düster vor Entsetzen, die Stimmen wie aus dem Grab: „Das P ist ihm runtergefallen!“
(4) Später noch jemand mit Rettungswagen zur Klinik, die Unfallzeugen heulen im Blaulicht, als stünden sie selbst vor dem Exitus, entwickeln lebensbedrohliche Phantomschmerzen, fordern Arztvisite für sich.
(5) Schließlich Kinderdisco: ein Inferno, zu dem alles Bisherige nur laue Vorhölle war. Zwar taucht in den Massen, die in Strümpfen über den Dancefloor hopsen, plötzlich auch wieder der österreichische Mathematiker auf, beglückt über die Playlist mit „Ice Ice Baby“ und anderen Klassikern („Dös wor no Musik!“), aber nach dem letzten Lied sind drei weitere Personen erkrankt, eine mit hohem Fieber, der Strom fällt aus und unter der Notfallnummer antwortet niemand. Und Jan hat mit Alisa Schluss gemacht, nach vollen zwei Tagen Beziehung. Sie hat es während der Disco von einem Dritten erfahren.
(6) Jetzt brechen die Dämme.

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