- realfiktion
- 5. Dez. 2024
- 1 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Feb. 2025
27.07.2019
Ästhetische Theorie.
(1) Auf jede der buckligen Felseninseln in Ostsee und Mälaren hat man unaufdringlich hübsche Häuser, Parks und Picknickpavillons gesetzt, der skandinavische Sommer besorgt den Rest. Ja, Stockholm ist über die Maßen schön. Man muss hier nur eine halbe Stunde verbringen und verliert jedes Verständnis für z. B. Kiel.
(2) Mehr noch: es ist angenehm. Alles sauber verputzt, fürsorglich beschildert, vernünftig erdacht, komfortabel gestaltet, farblich abgestimmt, barrierefrei. Ein wohlgeordnetes, sozialdemokratisches Gemeinwesen, maßvoll modern, aber unaufgeregt, so wie hier man zum Beispiel Zuckergebäck auch noch mit Kardamom bestreut: das ist interessant und gut und ein bisschen originell, nur nicht zu sehr. Oder wie jeder ein Motorboot zu besitzen scheint, das aber unprätentiös und lagom auf den Rücken geschnallt hat.
(3) Vielleicht sitzen die meisten einfach gerade auf ihrer persönlichen Schäre, vielleicht bleibt dem Wochenendttouristen vieles verschlossen – aber das so überaus praktisch designte Stockholm wirkt, als würde es, nach 1000 Jahren immer noch originalverpackt, auf Benutzer warten. Selbst weiter draußen nichts Provisorisches, keine Gebrauchsspuren, keine Baulücken, keine Schlaglöcher, kein Rost. Graffiti (nur in Pastell) werden sofort kuratiert und stolz hinter Glas gesichert und selbst auf der Spitze des Stadshustornet wartet eine freundliche junge Frau, deren Beruf es ist, während wir Panoramafotos machen, die Sicherheitsgitter abzuswiffern.
(4) Wahre Schönheit braucht Patina. (Diesen Merksatz zum nächsten kritischen Geburtstag wieder rauskramen.)


Kommentare