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  • realfiktion
  • 11. Dez. 2024
  • 1 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Feb. 2025

27.08.2020

Orientierung.

(1) Der Vortragsredner nimmt sich ernst, nöhlt und dröhnt von der Bühne herunter ohne Pause, ohne Modulation, ohne Witz im weitesten Sinn, vor allem aber: ohne Pause, für fünfzig Minuten. Bieten lässt sich sowas nur das Dienststellenpublikum, im Dienst des Zwangs zur Pflicht, obrigkeitsgläubig, obrigkeitshörig, obrigkeitssüchtig.

(2) Dabei bieten sich mindestens zwei Auswege: Sekundenherztod vortäuschen oder jetzt, jetzt! aufstehen, wegrennen, zum Seitenausgang, den Aufsitzrasenmäher des Hausmeisters starten, die Paniktür durchbrechen und fliehen, ins Freie, ins Offene!

(3) Alles in Brand setzen, fliehen, und nicht zurückschauen! Nochmal irgendwo anders, als irgendwer anders ein neues Leben versuchen! (Nur den Hausmeister nehme ich mit, falls unterwegs irgendwas repariert werden muss.)

(4) Ich und der Hausmeister, Thelma und Louise, Flucht aus Neugraben-Fischbek nach Mexiko! Unterwegs entdecken wir die Faszination des Verbrechens, der junge Brad Pitt schläft mit mir (oh!), und am Ende, verfolgt von einer waffenstarrenden Armee, rasen wir in den Grand Canyon, glücklich, glorreich, todgeweiht. Die Freiheit ausschöpfen bis zum Untergang.

(5) Höchstgeschwindigkeit des Aufsitzrasenmähers allerdings nur drei Stundenkilometer; bis Anbruch der Nacht wären wir nichtmal in Neu Wulmstorf. Und wenn ich mich selbst ernst nehmen könnte, würde ich vielleicht zugeben, dass mein Leben, schon mehr als zur Hälfte vergeudet, einfach nicht ist wie ein Film. Mehr wie ein unendlich dröger Orientierungsvortrag, bei dem andere auf der Bühne stehen, in zwei Nummern zu kleinem Hemd, und ich starre in einen leeren Kaffeebecher und weiß auch nicht.

(6) „Let’s keep going. Go!“


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