- realfiktion
- 15. Dez. 2024
- 1 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Feb. 2025
28.01.2022
(1) Fakt: Es ist nicht wie in diesen Sommerfilmen von Eric Rohmer, wo junge Leute schwerelose Strandflirts erleben. Nichts ist schwerelos auf einer Insel, die pure Missbilligung schon im Namen trägt, und niemand ist jung. Viel Pfarrwitwenhäuser und alle paar Meter ein Defibrillator; im halbunterirdischen, vollbesetzten Hotelfrühstückssaal sehen Gäste und Personal komplett aus wie pensionierte Mathelehrer. Totenstille, als ich eintrete; tausend Augen starren mich an.
(2) Fakt: Ich bin wohl der jüngste Mensch auf ganz Rügen, wurde heute sogar für einen verträumten Grundschüler gehalten, der im Bus als einziger vergessen hat, auf dem Nachhauseweg mit den anderen Kindern auszusteigen (ihrerseits vorgealterte Achtjährige, die aussehen wie Wilhelm Wieben).
(3) Fakt: Vorletzte Haltestelle der Linie nach Kap Arkona, Fahrer bellt, ohne sich nach meinem Sitz umzuwenden: „Wo willst du denn jetzt noch hin?! He! Wo du hinwillst!“ – „Was, ich?“ – „Wer sonst?!“ – „Ich möchte zum Kap Arkona“, piepse ich. „Arkona! Arkona! Na, das is ja ganz was Neues!“ – er schlägt die Faust auf das Lenkrad und fährt fluchend an, „Ganz. Was. Neues.“
(4) Fakt: Busfahrer sind von Geburt an exakt 63 und bleiben es ewig, die Verrentung vor Augen, aber niemals erreichbar; daher auch ihr vulkanischer Hass gegen das Weltall mit allem Drum und Dran.
(5) Fakt: Auf dieser Insel sind sie damit wenigstens nicht allein. Für alle gilt: Es ist ein unendliches Hin- und Hergerissenwerden zwischen dem Zwang, in einer Gesellschaft mit anderen zu leben („Menschheit“) und der spontanen, kreatürlichen Unfreundlichkeit des einzelnen. Jedes aus dem Hals hervorgepresste „Guten Morgen“ eine strenge, klagende Zurechtweisung.
(6) Fakt: Aber die Sonne, aber der Seewind, aber das Meer!


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