- realfiktion
- 29. Nov. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Feb. 2025
28.09.2018
Mit Kindern reisen.
(1) Vierter Tag – Verspätet zum Frühstücksraum, stecke den Kopf durch die Tür: ein Bild des Schreckens. Brüllende Kinder werfen Stühle um, fegen mit ihren Ärmeln Geschirr vom Tisch, manschen und panschen mit Quarks, Marmeladen, Zuckermüsli und Früchtetee herum; überall Zerfetztes, Zerstückeltes, Zerrissenes, rechts Flammen und eine Frau, die verzweifelt um Hilfe ruft, links bewegungslos ein stumm drohender Stier, unten hält eine abgetrennte Hand noch ein zerbrochenes Schwert. Im grellen Schlaglicht der Deckenlampe ein Pferd, das sich aufbäumt vor Schmerzen, von einem Speer durchbohrt.
(2) Ursache des Aufruhrs: Dass heute nicht „Wunderland“ auf dem Programm steht (worunter sich alle einen mythischen Fun- und Freizeitpark vorgestellt haben), sondern „Westerland“, ein ausgesprochen hässliches Dorf ohne Attraktionen. Wenige erkennen ihren Hörfehler an, viel „Betrug!“-Gekreische, Tritte gegen den Tisch; einige wollen nun überhaupt zum ersten Mal erfahren haben, dass sie sich auf einer Insel befinden; lautstarke Skandalisierung dieses Umstands.
(3) In Westerland dann ständige Sorge um diejenigen, die sich während der letzten Tage selbst in ihrem Zimmer verlaufen haben, ja sogar in ihrem eigenen Pullover verloren gegangen sind. Am Ende aber alle zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort, nur manche vermissen wieder Kleidungsstücke und andere behaupten, von Einzelhändlern betrogen worden zu sein; man müsse die Polizei einschalten, möglicherweise auch Militär (Hubschraubereinsatz!).
(4) „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“ Auf der Nachtwanderung beides natürlich ohne Chance; der junge Guide verliert schon nach 30 Sekunden jede Autorität und kapituliert irgendwann vor den prügelnden, gackernden, johlenden, jammernden, fallenden, furzenden Kindern, die alles sind, nur nicht offen für neue Erfahrungen.
(5) Letzter Tag – Bis sie es sind: weitermachen. Das Mögliche tun, das Vergebliche nicht lassen, und alle Sünder*innen verschonen für nur zehn Gerechte, wie im Tanach. Erst dann alles niederbrennen. Und bis es soweit ist: weitermachen. Pragmatischer Idealismus: Reisen mit Kindern ja, aber besser direkt in Sanatorien oder Justizvollzugsanstalten. Besser: Reisen ja, aber nur noch in sich selbst. Erst wer das aushält, darf später mal weiter weg. Und bis das soweit ist: weitermachen. Einer muss es ja tun. Sela.


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