- realfiktion
- 30. Nov. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Feb. 2025
28.11.2018
Stückwerk ganz.
(1) Anstehen nicht nötig: Schon beim Betreten des S-Bahn-Shops reicht mir der Verkäufer den frisch gebrühten Café Creme, kleines Zwinkern, kleiner Schnack, wie jeden Morgen hat er schon auf mich gewartet – was sonst niemand tut. Daher auch egal, dass er nicht mein Typ ist: „Du musst mehr netzwerken!“, drängen die Ratgeber. „Wer würde nicht mit einem Mann flirten, der eine Theke voll frischer Backwaren hat?“
(2) Frierend in der Frühschicht; der Blick wandert immer wieder zum Nachbargrundstück, in den obersten Stock der Seniorenresidenz. Eigentlich sollte ich auch ein Auge darauf haben, dass auf dem Zebrastreifen keine Fußgänger getötet werden, aber wie die Faerie Queen jetzt schrieb: “Don’t sweat it, Baby – it’s very difficult to take care of everything. We can only do so much.”
(3) Denn jeden Mittwoch, bei jedem Wetter, zur selben Zeit tritt eine alte Frau dort auf ihren Balkon und kämmt im Freien ihr hüftlanges goldenes Haar. Ein großes Schauspiel. Allein: Heute erscheint sie nicht; der oberste Stock bleibt dunkel. Im Märchen heißt es: „Rapunzel wurde von der bösen Zauberin in eine Wüstenei verbannt, wo sie in großem Jammer und Elend lebte.“ Wahrscheinlicher, dass die Frau vom Balkon überhaupt nicht mehr lebt. Natürlicher Durchsatz einer solchen Wohnanlage.
(4) Schlimmer Hunger, aber die Kantinenschlange ist länger als meine Mittagspause; improvisierter Imbiss, abgesondert in eigenen Raum. Der Eremit in seinem Zelt – und die Wüstenei ringsum.
(5) Später kurze Selbstergriffenheit. Unnützes Gefühl, niedergekämpft. Wie sagt man so schön: “You can’t buy a gun when you’re crying.”
(6) Neulich von zwei zwölfjährigen Mädchen gefragt worden: „Wie lang möchten Sie leben?“ Was immer das sollte: ich habe jedenfalls noch Pläne und Ziele, jawohl. Zum Beispiel noch zu erleben, dass Bärte wieder aus der Mode kommen. Eine Reise ins Kimberley (oder wenigstens nach Bremen). Einen Sieg über den weltweiten Faschismus. Aber wer weiß? Schon morgen kann man auf dem Zebrastreifen unter die Räder geraten.
(7) Abends gleich mal den kompletten Adventskalender aufgegessen. Sicher ist sicher.


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