- realfiktion
- 8. Dez. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Feb. 2025
29.03.2020
I Got Rhythm.
(1) Eine Welt, die man nur noch betreten darf zum Sportmachen, Einkaufen und Lüften der Kernfamilie: noch vor drei Wochen hätte das jeder für genau die postapokalyptische Höllenvision gehalten, von der früher immer geraunt wurde, die Überlebenden würden die Toten beneiden.
(2) Die neue Genügsamkeit: man freut sich schon übers freie Weiteratmen. Videochats, Quarantänespeck und Frisuren mit der Bastelschere: die neue Normalität. Beim Blick nach Moria, auf Obdachlose, zu den systemrelevanten Arbeiter*innen: die neue Bescheidenheit.
(3) Ruhe vor dem Sturm in den Kliniken als Gelegenheit, auch mal persönlich auf einen Dankbesuch vorbeizuschauen. Warum nicht zum Beispiel Sonntagabend, warum nicht im AK St Georg? Ich (heimlicher Romantiker) habe Vorhofflimmern mitgebracht. Und ihr alle dachtet, ich hätte kein Herz!
(4) Dieses Flimmern ist tatsächlich so schön wie eine neunstündige Achterbahnfahrt im Luna Park, ins Brustinnere gewendet; Ein so rasanter wie bolleriger Trip auf einem Gerüst, von dem man nicht weiß, ob es eigentlich richtig zusammengeschraubt ist.
(5) Die romantischen Drei: Ich, der wuschelköpfige Pfleger, der mich duzt und zwinkernd an die ß-Blocker-Infusion hängt, und der junge tätowierte Arzt als klassischer Verführer: „Erst möchte ich Sie betäuben, dann intubieren, und dann machen wir ein Schluck-Echo. Und wenn das gut läuft, gleich morgen früh eine Elektrokardioversion. Dann zeige ich Ihnen meinen ~stattlichen~ Defibrillator!“
(6) Kein Wunder, dass ich die Herzen im Sturm nehme: Ruhepuls von 140 bpm lässt mich dynamisch wirken, zudem huste ich nicht, scherze im Angesicht des Todes und bin privatversichert. Fühle mich ermutigt, am nächsten Tag sogar zur Wahl der ‚Miss Notaufnahme‘ anzutreten (aber ab diesem Gedanken auch ziemliche Einnebelung des Bewusstseins).
(7) Nach neun Stunden plötzlich der harte Satz, der viele romantische Beziehungen beendet: „Ich spüre nichts mehr“. Linksschenkelblock hin, Infarktmarker her, ich muss jetzt gehen. Der Arzt studiert die bunten Kurven meines Monitors und lässt sich nichts anmerken: „Ja. Sie sind zurück im Sinusrhythmus.“ Der Pfleger aber steckt zum Abschied seinen Wuschelkopf durch die Tür, meint „Glückwunsch!“ und zwinkert.


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