- realfiktion
- 19. Dez. 2024
- 1 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Feb. 2025
29.05.2022
(1) Vorteil unserer kleinen Stadt: sie haftet nicht im Gedächtnis. Auf Reisen vergisst man sofort, wo man herkommt und erinnert sich immer nur zufällig zurück, wenn die Katastrophen-Warn-App behaglich schnurrt, weil Sturmfluten anrollen oder irgendwas brennt. Wenn keine Katastrophen passieren, passiert nichts. Hamburg: der stille, gediegene Platzhalter für das Leben – wo schon als verrücktes Original gilt, wer eine karierte Hose trägt.
(2) Whoa! Guckt euch den an! Hat man sowas schon gesehen! Einfach crazy!
(3) Vorteil der großen Stadt: dass alles anders ist. Totale Erinnerung schon in den ersten Sekunden; man zieht die Energie aus den Massen von schönen queeren Menschen, aus jedem Ort, Anblick, Geräusch. Sie rieselt durch den Körper; immer noch ein einziges Versprechen.
(4) Aber es ist auch anders als früher. „It’s gotten sketchy“, meint die Vermieterin. Jetzt noch viel mehr Bettler, die auf nassen offenen Beinen durch die Straße hinken. Eine Woche her, dass jemand im Q train wahllos einen Fahrgast erschossen hat. Welcher wiederum nur deshalb die Subway nehmen musste, weil ein Uber nach Manhattan mittlerweile 70$ kostet. Manches dunkler, leerer, langsamer, weniger geworden (nur nicht: billiger).
(5) Und manches wirklich nur erinnert, nicht mehr wiederholt. Früher, früher!
(6) Manche sind nicht mehr hier, aus manchem bin ich raus: vielleicht fehlt inzwischen die Grundimmunisierung – die für New York darin besteht, sehr jung oder sehr reich zu sein (oder sehr verliebt, nur davon rät die STIKO ja mittlerweile ab: hält nicht lang genug).
(7) Früher, früher! Aber wie es eben so ist: Man kommt in die Jahre und verschwindet in ihnen.


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