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  • realfiktion
  • 9. Dez. 2024
  • 1 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Feb. 2025

30.06.2020

Wie deutsch ist es? (Teil VIII)

(1) Adornos irdisches Paradies, „der einzige Ort auf diesem fragwürdigen Planeten, in dem ich mich im Grunde zu Hause fühle”: Amorbach. Amorbach seinerseits ignoriert Adorno auf ganzer Linie. Plaketten erinnern an „den Heimat- und Mundartdichter Fritz Ehescheid“, an „den großen Apologeten Dr. Dr. Hermann Schell“, an „die bekannte Dichterin Helmina von Chézy” (grotesk unbekannt und wohnte überhaupt nur ein Vierteljahr dort). Der Geschichtsverein dokumentiert ausführlich die Entwicklung der örtlichen Feuerwehr. Von Adorno nichts, keine Ausstellung, keine Tafel, kein Denkmal, kein Wanderweg; keine Schule, Straße oder wenigstens Süßspeise nach ihm benannt. Negative Dialektik.

(2) Gottverlassenes Madonnenländle – links und rechts des Limes stille und reglose Dörfer, durch die man läuft wie ein überlebender Eindringling nach irgendeinem Zivilisationsbruch: Aufgegebene Geschäfte, blinde Fenster, leere Straßen; Brachen und Siechtum fast wie in Detroit.

(3) Letztes wichtiges Event in Walldürn war das Blutwunder von 1330 (frei erfunden für den Wallfahrtstourismus), letzter wichtiger Wirtschaftszweig die Trauerkranzindustrie (mittlerweile selbst verstorben). Inmitten dieses Kleinstadtgrabs aber auch Schönheit: die grandios düstere Blutwallfahrtskirche, ideal geeignet als Club-Location. Nur gibt es nichts zu feiern in Walldürn.

(4) Fragwürdiger Planet.



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